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 Der Unsichtbare


„Igor“,flüsterte sie, als meine Hand schon auf der Türklinke lag.

„Igor, ich hab es noch, das Kleid. Ich hab es nicht weggeschmissen“, flüsterte sie weiter, als ich mich umwand und sie anblickte. Sie hatte sich aufgerichtet. Saß nun in diesem viel zu großen Bett mit den weißen Bezügen. Ihre dünne Hand in diese Schlaufe gekrallt, die über ihr baumelte. Ihr Nachthemd war an den Armen zurückgerutscht und die Adern drängten bläulich durch ihre bleiche Haut. Ich blickte diese Frau an. Blickte in ihr Gesicht mit den eingefallenen Wangen. Suchte die Augen, die sich tief in die Höhlen zurückgezogen hatten. Versuchte in ihnen irgendetwas von dieser Silke wiederzufinden, die mir Freundin und Gefährtin war. Doch da war nichts, was mich an damals erinnern mochte. Nichts was an die Unbeschwertheit dieser Zeit erinnern mochte. Ich versuchte zu lächeln, als ich ging. Doch es misslang.

Wenn ich jetzt, fernab dieses Krankenzimmers mit diesem grünen Linoleumboden, mit diesem sterilen Geruch, der diesen Krankenhäusern immer anhaftet, versuche meine Gedanken niederzuschreiben, dränge ich diese Bilder einer abgemagerten Frau aus meinem Bewusstsein. Ich denke an diese Silke von damals. Ich sehe sie lächelnd in ihrem schwarzen Kleid mit den weißen Lilien. Wie mochte ich dieses Kleid, wie mochte ich diese Frau, mit der man nächtelang über Gott und Welt diskutieren konnte. Sie trug es an jenem Frühlingstag, an dem die Magnolien rosa blühten und wir einfach im Park lagen und glücklich waren. Sie trug es in jener Sommernacht, als wir in eine der verfallenen Fabriken des Leipziger Westens einstiegen und bei Kerzenschein fürstlich dinierten. Sie trug es auch noch bei den Gothic-Parties, wenn wir bis in den Morgen hinein zu dunklen Klängen tanzten.

Irgendwann kam dann dieser Fremde und drängte sich zwischen uns. Es muss lange vor diesem Abend gewesen sein, an dem wir uns verstritten und sie dieses Kleid von sich warf. Als ich an jenem Abend ihre kleine Wohnung verließ, war es mir, als werfe sie nicht nur dieses Kleid davon, sondern auch alles, was uns verband. Als werfe sie all diese Erinnerung mit fort.

Ja, es muss lange davor gewesen sein. Selbst jetzt im Rückblick, wo mir einige Dinge klarer als damals erscheinen, fällt es mir schwer den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem dieser Fremde in ihr Leben trat. Ich entsinne mich, weder wie er aussah, noch an irgendwelche charismatische Wesenszüge, die ihm innewohnten. Ich sehe nur an ihrem Körper, die Markierungen eines Sadisten.

Ich glaube es begann damit, dass er ihr Klamotten schenkte. Vielleicht begann es auch schon früher. Gewiss begann es schon viel früher. Sie müssen sich schon zuvor getroffen haben. Weit vor diesem Abend muss er sich schon in ihre Gedanken geschlichen haben. Doch ich spürte seine Anwesenheit zum ersten Mal, als Silke mir eines seiner Geschenke zeigte. Sie liebte es, zu shoppen. Konnte stundenlang in Schuh- und Kleiderläden ausharren und war stolz wie eine Prinzessin, wenn sie fündig wurde. Doch die Sachen, die er ihr schenkte, waren anders. Es war an einem Samstagabend, wir wollten gemeinsam weggehen. Wir trafen uns immer vor den Parties bei ihr oder bei mir. Manchmal kamen auch noch Bekannte vorbei. Wir tranken Wein hörten Musik, toupierten uns gegenseitig die Haare. Was man eben so macht, bevor man ausgeht. Es war nicht so, dass ich in ihm den Erkannte, den ich heute sehe. Es war nur ein vages Gefühl, dass plötzlich etwas zwischen uns stand.

„Schau mal, was ich mir heute gekauft habe, ist es nicht hübsch“, rief sie, während sie in einer violetten Samtkorsage vor dem Spiegel posierte. Sie sagte nie, auch später nicht, als er mehr und mehr von ihrem Leben Besitz ergriff, dass er es war, der ihr dieses Oberteil, dieses Kleid oder jenes Shirt geschenkt hatte.

„Vielleicht ein bisschen eng“, meinte ich damals im leicht angeheiterten Zustand.

„Gab nur noch in der Größe. Aber es ist so schön!“

Ihr Blick war es, der sie verriet. Ich sah, dass sie mir diesen Satz übel nahm. Ich weiß heute, dass das mit der Größe nicht stimmte. Damals schob ich es beiseite.

Auch später noch, als er ihr Leben mehr und mehr kontrollierte, wollte ich seine Anwesenheit nicht wahrnehmen. Auch dann noch, als er ihr diese Waage ins Bad stellte und sie begann, sich penibel seinen vorgeschriebenen Gewichtsnormen zu unterwerfen. Es war eine dieser elektronischen Dinger, die nicht nur das Gewicht maßen, sondern auch exakten den Körperfettgehalt dokumentierten; auch dann wollte ich seine Anwesenheit nicht wahrhaben und klammerte mich an jene andere Silke, die mir vertraut war. Ich schwieg und nickte, als sie mir erklärte, dass Anni, ihre Freundin, es war, die diese Diätpillen, die ich im Bad fand, liegen gelassen hatte. Dass sie ihr gehörten und nicht ein Geschenk des Fremden waren, um seinen Befehlen besser nachzukommen. Dieses Schweigen mache ich mir heute zum Vorwurf. Vielleicht hätte ich dieses Unheil von ihr abwenden können, wenn ich damals, als ich noch spürte, dass es jene andere Silke gab, entschieden Einspruch erhoben hätte. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Selbst in den letzten Monaten, als sie auf der Toilette vor ihm niederkniete, den Finger in den Hals steckte und kotzte bis nur noch Galle kam, selbst da noch wollte ich glauben, dass es nur eine hartnäckige Magenverstimmung sei, die ihr zusetzte und nicht jener Fremde, der sich am Anblick ihren Qualen weidete.

Wenn ich mich heute frage, wie er aussah oder warum er, trotz seines miesen Charakters, so ungemein attraktiv auf Silke wirkte, so weiß ich darauf keine Antwort. Er war unscheinbar, griff nie in unser Gespräch ein. Doch ich spürte, er lauerte im Hintergrund. Irgendwo zwischen dem Unausgesprochenen, dass sich mehr und mehr zwischen uns auftürmte und uns auseinander trieb. Wie hätte ich ihn stellen sollen? Wie ihm entgegentreten? Er war wie ein Geist, ein Virus, dem man nicht kommen sah. Er suchte sich seine Opfer nach belieben. Nicht nur Silke, viele andere hangen an seiner Kette. Mädchen wie Jungen machte er zu seinen Untertanen. Ich weiß nicht, wie viele im huldigten. Es waren Unzählige. Allein auf den Gothic-Parties gab es Dutzende, die von seiner Macht gezeichnet waren. Er liebte keine von ihnen. Liebte nur das Gefühl sie zu beherrschen. Manchmal sah ich seine Fratze dämonisch aufleuchten, wenn die Tanzfläche mit seinen Sklavinnen und Sklaven gefüllt war. Er war der Herrscher dieser dunklen Parties. Der rote Tod dieser Subkultur, die Pestilenz dieser Nächte. Er war es, dem sie insgeheim huldigten. Nicht einer dieser Prinzessinnen in ihren Samtkleidern. Nicht einer dieser Batcaver mit ihrem zerrissen Spinnennetzkostümen und ihrer kunstvoll toupierten Haarpracht. Nein, er war es, den sie anbeteten und viele, die glaubten sie wären so frei, soviel besser als all die, die in den Zwängen der Gesellschaft lebten, zu Untertanen machte.

Heute frage ich mich oft, woher kam diese bedingungslose Devotion? Silke stand nie auf sadomasochistische Spielchen. Die Bilder von Philippe Fichot fand sie abstoßend, die Performance von Umbra et Imago primitiv. Vielleicht lag es daran, dass dieser Fremde nie mit diesen markanten Symbolen arbeitete. Er legte ihnen kein ledernes Halsband an oder einen dieser Ringe, die Unterwerfung suggerieren. Und doch trugen sie alle mit der Zeit sein Siegeszeichen, das er ihnen aufdrückte. Er schrieb es direkt in ihre Körper und es war beständiger und unverrückbarer als es ein Halseisen zu sein vermocht hätte. Es war offensichtlicher als die rötlichen Striemen einer fauchenden Reitgerte, eindeutiger als der Krallenschlag einer lasziven Hand. Sein Halsband, das er ihnen anlegte, war getränkt mit dem Duft der Eitelkeit. Dann spielte er mit ihnen. Mit dem säuselnden Geflüster von wahrer Schönheit korsettierte er ihre Taillen, bevor hervorstehende Rippenknochen die gänzliche Unterwerfung seiner Sklavinnen verkündeten.

Weit nach diesem Abend, an dem wir uns verstritten, fragte ich, mich was sie an ihm fand? Was gab er ihr dafür, dass sie sich ihm so bedingungslos unterwarf? Es war eine der letzten schwarzen Parties, die ich besuchte. Ich stand an der Bar und sah sie tanzen. Sie hatte inzwischen neue Freunde gefunden, die meisten von ihnen waren dem Fremden schon lange Untertan und auch Silke sah man es inzwischen an, dass sie sich ihm ausgeliefert hatte. Ich sah ihr zu, wie sie über die Tanzfläche glitt. Sah, wie sie es genoss, wenn die Blicke auf ihr gerichtet waren. Es schien mir plötzlich, als seien es diese wenigen Sekunden. Als sei diese Aufmerksamkeit, die ihr von den anderen zu Teil wurde der einzige kärgliche Lohn, den der Fremde ihr für ihre Unterwerfung hinwarf. Dann kehrte sie in dem Harem ihres Herrn zurück reihte sich ein in die Schar seiner Dienerinnen. Tuschelte mit ihnen über andere, die es wagten zu tanzen, obwohl sie noch nicht dem Fremden Untertan waren. Noch nicht die 28 trugen.

Ich weiß nicht, wie ich es hätte verhindern sollen. An jenem Abend, als wir uns zerstritten, als sie das Lilienkleid wegwarf, bat ich sie, ja, flehte ich sie an, sich von ihm zu trennen, weil er sie nur zerstören würde. Doch er war schon zu mächtig.

Es war seine aggressive Stimme, die aus ihr sprach: „Du bist doch nur eifersüchtig. Ich dachte immer du wärest anders als die Anderen, würdest mich akzeptieren wie ich bin. Doch du liebst doch nur ein Bild von mir.“

Es tat mir weh dieser Satz, auch heute noch, wenn ich ihn vor mich hinspreche, schmerzt er mich. Denn kann man es akzeptieren, wenn sich ein Freund zugrunde richtet? Ich konnte es nicht. Konnte nicht mit ansehen, wie er sie zerstörte oder besser, sie sich für ihn zerstörte, und wusste auch kein Mittel um diesen unscheinbaren Fremden entgegenzutreten. Auch der Anblick dieses eiteln samstäglichen Totentanzes war mir zuwider. Ich wendete mich anderen Dingen zu. Oftmals dachte ich an Silke und hoffte, sie würde sich bei mir melden. Ich selbst brachte nicht den Mut auf, sie anzurufen. Sie tat es auch nicht.

Vier Monate waren seit unserem letzten Aufeinandertreffen vergangen, als mich ihre Mutter vorgestern anrief. Silke kam aus einem kleinen Dorf. Bevor sie nach Leipzig zog, übernachtete sie manchmal bei mir an den Wochenenden in der WG, wenn wir gemeinsam auf Parties gingen. Sonntags fuhr ich sie dann zurück nach Hause und wir tranken zusammen mit ihren Eltern Kaffee. Silke hasste diese Stunden. Sie hasste diese gespielte Familienidylle mit den feinen Sticheleien und den versteckten Spitzen wegen ihrer schwarzen Kleidung. Hasste die bunten Hemden, die ihr ihre Mutter in der Hoffnung kaufte, sie würde sie irgendwann einmal tragen. Ich weiß noch den Tag, als sie auszog. Als wir den Transporter volluden. Diese hellen Kinderzimmermöbel, die sie in Leipzig sofort mit schwarzem Lack überstrich. Ich sehe noch ihre Mutter heulend an der Türschwelle stehend und „Ach, mein Silkchen, du kannst doch nicht gehen!“ schluchzen. Ich höre noch, wie Silke sich während der Fahrt aus dem Transporter lehnend „Endlich Freiheit!“ rief, während die Welt ihrer Kindheit im Rückspiegel immer kleiner wurde und dann hinter einer Wegbiegung verschwand. Ich sehe noch ihr rotes Haar im Fahrtwind flattern. Ich sehe dies alles so deutlich, als wäre es gerade erst geschehen.

Ihre Mutter war aufgeregt als sie anrief. Schluchzte zwischen den Worten.

Ihr Silkchen sei zusammengebrochen, heulte sie und ob ich sie nicht mal besuchen wolle. Sie läge auf der 14B, draußen in Eutritzsch. Wir wären doch immer so gut befreundet gewesen. Wie das nur passieren konnte, Silke hätte doch immer alles gehabt. Früher, da gab es ja nichts, aber Silke hätte doch alles, von dem wir nur träumen konnten. Das sei dieses Schwarz, dass habe sie schon immer gewusst, dass das nicht gut sei für ihr Silkchen.

Ich legte auf. Konnte das Gewimmer und dieses Geschwätz nicht ertragen.

Ja, vielleicht ist es dieses Schwarz, dieses fassadenheischende Getue dieser Zeit, diese menschliche Leere hinter allem Wohlstand. Diese Krankheit tief im Gedärme dieser Zeit. Vielleicht ist es dies, was uns zu niederen Sklaven drückt.

Ich weiß nicht, ob es jemals außerhalb meiner Erinnerung wieder diesen Mensch geben wird, der mit mir unbeschwert durch die Nächte tanzte. Jener Mensch, der sich die Kleider suchte wie sie passten und sich nicht für jenen mächtigen Fremden in eine 28 zwängte.

Ich wusste, er war nicht verschwunden. Auch an ihrem Krankenbett spürte ich noch seine Macht. Er lauerte wie immer zwischen den Dingen. Gestalt und Wesenlos. Vielleicht lässt er die Zügel schleifen, lässt sie wieder träumen von vergangenen Tagen, bevor er sie abermals unterwirft. Sie wieder kotzen lässt. Ihr wieder keinen Schlaf in den Nächten gönnt, weil die Knochen schmerzend aufeinander liegen. Ich weiß es nicht, ob sie sich von ihm trennen kann. Seine Macht scheint grenzenlos. Ich sehe seine Sklavinnen von den Werbetafeln der Innenstädte herunterlächeln. Sehe seine Dienerinnen ihm auf den Laufstegen von Paris und Mailand huldigen. All diese unzähligen Wohlstandsskelette von Mensch sind gezeichnet von seiner morbiden Handschrift, haben das Siegeszeichen des sadistischen Fremden tief in ihre jungen Körper eingraviert.