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Interview mit Stadtmagazin Blitz   (Dezember 07)

BLITZ!: Worum geht’s im neuen Buch, wer sind die handelnden oder beobachteten Personen?
MS: Das neue Buch „Von Seemännern und anderen Gestrandeten“ schließt thematisch an „In darkest Leipzig“ an. Es ist wieder aus der Sicht des Ethnographen geschrieben, der versucht Lindenau zu verstehen und die Sitten der Eingeborenen zu dokumentieren. Allerdings gerät er zunehmend auf die schiefe Bahn und seine Forschung führt ihn mehr und mehr weg von den sesshaften Lindenauer hinein in Absturzkneipen und durch die Straßenschluchten des Viertels. Dort begegnet er allerhand seltsamen Gestalten. Er trifft den einäugigen Chronisten der Grauen Perle, der ihm die Legende vom Käpt’n des Leipziger Westen erzählt; Don Walross, einen aufstrebenden Alteisensammler, und Ulf, den Mohawk, der meistens „Bei Heinz“ an der Theke sitzt. Daneben gibt es im neuen Buch noch interessante Gastbeiträge von anderen Lindenau-Forschern. Allfons Chlucki, der schon bei den nordsüdsibirischen Wodkaschamanen und unter bayrischen Stammtischen forschte, hat für dieses Buch einen Artikel über die Bedeutung der verschiedenen Lindenauer Bierfahnen beigesteuert. Der große britische Astroethnologe Edward Foolship berichtet ebenfalls über seine Forschungsergebnisse im Leipziger Westen. Beide beschäftigen sich mit den seminomadischen, meistens vor Kaufhallen lebenden Straßenlindenauern. Edward war außerdem so freundlich, Tagebuchauszüge aus seinem noch nicht erschienenen Buch „Travels in Western Leipzig“ zur Verfügung zu stellen.

BLITZ!: Wie lebt sich’s in der neuen Umgebung unten am Kanal?
MS: Lindenau ist ein weites Feld kann ich dazu nur sagen. Wenn ich jetzt aus dem Fenster auf den Karl-Heine-Kanal blicke, ist es mir manchmal wie Urlaub. Der Blick fällt auf die Uferpromenade mit flanierenden Liebespärchen, einen idyllischer Kirchturm an der Flussbiegung - und die MS Weltfrieden schippert mit ihrem Kaffeepublikum über den Kanal. Richtig schön. Wenn ich dann vor die Wohnungstür gehe, beginnt wieder ein anderes Lindenau, nicht dieses spießige wie in „In darkest Leipzig“ teilweise beschrieben, sondern die volle Mischung aus Hartz-IV-Tragik und Entsetzen. Unser neuer Nachbar zum Beispiel besitzt nicht viel. Ich glaube nur einen blauen Jogginganzug, einen uralten Schäferhund mit Rückenproblemen und einen Fernseher, der den ganzen Tag läuft. Am Monatsende zumindest. Am Monatsanfang, wenn er seine Bezüge bekommt, hat er für einige Tage noch etwas mehr. Er holt sich in diesen Tagen immer einen riesigen Sack Kartoffeln beim Tante-Emma-Laden gegenüber und Unmengen an Fleisch beim russischen Großhändler. Dann kocht er den ganzen Tag für den Monat vor und gefriert das Zeug ein. Ich glaube, den Rest der Kohle investiert er in alkoholische Nahrung. Zumindest riecht er bei den gemeinsamen Fahrten im Aufzug wie eine Schnapsfabrik. Im letzten Monat wurde ihm kurz nach seiner traditionellen Einfrieraktion von den Stadtwerken der Strom abgestellt und der ganze Monatsvorrat taute langsam vor sich hin. Das ist Lindenauer Tragikkomik. Du hast keine Kohle mehr und musst zusehen, wie deine Essensrationen langsam verrotten. In jedem Fall ein spannendes Umfeld. In der Nachbarschaft der Nachtclub mit den leichten Mädels. Am Monatsanfang, wenn das Geld bei den Lindenauern locker sitzt, gehen die Vorstadtschönheiten immer auf Werbetour in die 24-Stundenkneipe unterhalb unserer Wohnung. Dann gibt’s gratis Striptease mit DJ-Unterhaltung und Bier zum kleinen Preis. Später für einige Scheine mehr, die Fortsetzung im Nachbarhaus. Also richtig was los hier.

BLITZ!: Worum soll’s im nächsten Buch gehen?
MS: Das nächste Buch wird in eine ganz andere Richtung gehen. Nach zwei Büchern über Lindenau muss ich mal ein bisschen Abstand gewinnen. Es ist ja nicht so, dass mich das kalt lässt. Der tagtägliche Anblick dieser Tragödien schlägt schon aufs Gemüt. Wenn ich dann beginne darüber zu schreiben, beschwöre ich diese Erlebnisse wieder herauf. Wenn ich also eine Geschichte vielleicht zwanzig Mal überarbeite, dann halte ich mir diese Szenerie zwanzig Mal vor Augen. Da muss man irgendwann sagen: Es reicht fürs Erste. Sonst hocke ich auch bald in einer dieser Absteigen und ein Anderer schreibt dann über mich irgendwelche Geschichten.
Das nächste Buch heißt „Aus dem Leben eines Tagelöhners“. Mein letztes festes Beschäftigungsverhältnis liegt mittlerweile zehn Jahre zurück. Seitdem habe ich neben Schule und Studium immer nur gejobbt. Unzählige verschiedene Tätigkeiten. Kühlturmreinigung in Atomkraftwerken, Inventuren in staubigen Ramschläden, Steineschleppen auf Baustellen, Baumpflege auf Friedhöfen und am Fließband in der Brauerei, um nur einige zu nennen. Ich mag die Tagelöhnerei, da man mit ganz unterschiedlichen Menschen in Berührung kommt und Dinge erlebt, die einfach nur crazy sind. Außerdem kann man immer gehen, wenn man die Schnauze voll hat.

BLITZ!: Gab’s Komplikationen mit Lesern oder Betroffnen nach dem letzten Buch?
MS: Meine persönlichen Erfahrungen bei meinen Lesungen waren eigentlich sehr positiv. Allerdings sagte mir ein Lindenauer Buchhändler, dass viele Kunden nach der Lektüre von „In darkest Leipzig“ äußerst entrüstet waren, weil ich die Lindenauer als Eingeborene bezeichnete und sie mit „den Wilden“ auf eine Stufe stellte. Manche Menschen verstehen eben keinen Humor. Leider kommen diese entrüsteten Menschen selten zu meinen Lesungen, so dass wir auch nicht darüber diskutieren können. Bei meiner letzten Lesung in Lindenau gab es einen, der mir vorgeworfen hat, ich würde mich über die Menschen lustig machen. Ich denke, genau das mache ich nicht. Etwas mit Humor zu verkleiden, ist etwas vollkommen anderes, als über Menschen zu lachen. Dann gibt es die, die sagen, ich schreibe nur Vorurteile und Klischees nieder. Eine Rezensentin schrieb, ich behandle die Lindenauer wie Versuchsratten. Aber ich schreibe ja nur meine Beobachtungen nieder.
„In darkest Leipzig“ ist sicherlich überzeichnet, aber man muss doch nicht lange suchen, um im realen Lindenau diese angesprochenen Phänomene zu entdecken. Wenn ich schreibe, dass die Lindenauer elende Schnäppchenjäger sind, ist mir schon klar, dass dies etwas mit Armut zu tun hat und nicht mit der Freude an abgelaufenen Fleischpaketen. Ich dachte, dieser geistige Transfer wäre für alle Leser machbar. Meine Intention war es, auf humorvolle Art kritische Fragen aufzuwerfen. Ist es normal, dass Menschen Mitte Vierzig in unserer Gesellschaft keine Aufgabe mehr haben, außer den ganzen Tag zu rauchen? Ist es normal, dass ein Vierzehnjähriger sein Praktikum in einer Abstiegskneipe ableistet, ohne dass die Eltern dies besorgniserregend finden? Ist es normal, dass Menschen, die Tür an Tür wohnen, nicht mehr miteinander kommunizieren? Ist es normal, dass man seinen Hund vor die eigene Haustür kacken lässt? Diese Fragen wollte ich durch die ethnographische Brille stellen. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gelungen ist. Ich habe das Gefühl, dass bei vielen überhaupt kein Interesse besteht, unbequeme Fragen zuzulassen. Mir geht es gut und was ich nicht sehen will, das gibt es auch nicht. Ich wünschte, diese Menschen, die diese von mir beschriebene Welt so hartnäckig negieren, würden wenigstens den Mumm haben, jeden Einzelnen dieser Gestrandeten an den Straßenrändern von Lindenau zu sagen, dass sie nur ein Klischee sind. Dass es sie eigentlich nicht gibt, weil sie nicht in ihre schöne Welt passen. Aber daneben hat das Buch für mich auch noch ganz andere Konnotationen. „In darkest Leipzig“ war für mich nicht nur ein Buch über soziale Verwerfungen, sondern auch über die faszinierende Ästhetik dieses Viertels. Diese bauliche Zerrissenheit zwischen Sanierung und Verfall. Diese harmonischen Disharmonien. Dieses unsanierte und oft unbequeme Menschsein. Auch wenn es viele nicht glauben: Ich mag Lindenau. Dennoch bin ich der Meinung, dass man sein Viertel auch kritisch sehen kann. Das schließt sich doch nicht aus.

BLITZ!: Warum schreibst Du sowas, was ist Dein Antrieb?
MS: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht genau. Vielleicht eine eigene Zerrissenheit oder eine gewisse Affinität zu den Rändern. Ich gehe durch die Straßen und sehe gewisse Dinge und dann drängt es mich darüber zu schreiben. Es würde mich langweilen über hippe Koksnasen, Hochglanzvisagen oder irgendwelche Krawattentiere zu schreiben. Ich brauche Menschen, die etwas zu erzählen haben. Menschen, in die sich das Leben eingeritzt hat wie eine unfreiwillige Tätowierung. Es interessiert mich nicht, warum ein Mensch super im Leben klar kommt, aber ich horche auf, wenn Gescheiterte zu erzählen beginnen. Der letzte Satz, den ich zu „In darkest Leipzig“ geschrieben habe – „Auch wenn viele hier am Ende sind, ich stehe gewiss nicht mehr am Anfang“ – hat nach wie vor Bestand, vielleicht sogar noch mehr als damals.

BLITZ!: Deine Sicht auf die derzeitige literarische Landschaft in Deutschland?
MS: Ich fürchte, dazu kann ich nicht viel sagen. Das letzte zeitgenössische Buch, das ich zu Ende gelesen habe und das mich sehr beeindruckt hat, war „Als wir träumten“ von Clemens Meyer. Ansonsten lese ich eher ältere Jahrgänge. In den letzten Wochen hab ich zum Beispiel Henry Miller wiederentdeckt. Ich las ihn schon einmal ohne große Begeisterung vor Jahren. Wenn ich jetzt seine beiden Wendekreise zur Hand nehme, bin ich manchmal schon nach wenigen Seiten erschlagen von der Kraft seines Ausdrucks, seiner ungeschminkten Ehrlichkeit, seiner Wut und seiner Liebe zum unaufgeschobenen Leben. Für manche Bücher muss man erst reif sein.

BLITZ!: Kann Literatur etwas bewirken?
MS: Ich glaube schon, dass Literatur etwas bewirkt. Sicherlich dreht sich die Welt nicht wegen eines einzigen Buches anders. Die entscheidenden Dinge im Leben lernt man meines Erachtens nicht durch Buchlektüre, sondern durch eigene Erfahrung. Dennoch entdeckt man manchmal Bücher, die einen wie Offenbarungen durchdringen, die Augen öffnen und in denen man sich selbst wiederfindet. Mein erstes Buch dieser Art war „Der Fremde“ von Camus. Müsste ich eine literarische Person wählen, der ich mich verwandt fühle so würde sie immer noch Mersault heißen. Ähnlich ergeht es mir bei Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“. Ich kenne keinen Autor, dem es gelingt, existentielle Traurigkeit besser in Worte zu fassen. Es sind zum größten Teil Fragmente, aber ich lese vier, fünf Zeilen, klappe das Buch zu und sage mir: So ist es. Mehr muss nicht gesagt werden. Ich bewundere diesen Autor, der existentielle Stimmungen in wenigen Sätzen heraufbeschwören kann. Andere benötigen dafür hunderte von Seiten.

BLITZ!: Wo siehst Du Deine Wurzeln?
MS: Die einzige Verwurzelung, die ich spüre, ist eine musikalische. Wenn ich zum Beispiel eine Platte von Joy Division oder The Sound auflege, spüre ich: Ja, bei diesen Klängen bist du ganz nah an dir selbst. Egal, ob ich diese Musik in Bangkok, Nairobi oder Lindenau höre, sobald die Stimme von Ian Curtis oder Adrian Borland mich durchdringt, denke ich mir: Damn, das ist es! Das ist dein innerstes Weltgefühl. Und mehr an Verwurzelung braucht es nicht.

BLITZ!: Danke für das kurzweilige Gespräch und alles Gute fürs neue Buch.

 

Interview für www.subkultur.com zu
"Gedanken an die Dämmerung"
(Oktober 2006)

 

Was reizt dich gerade am literarischen Umgang mit der Erotik?

Erotik ist ähnlich wie Tod, Freude und Schmerz eine Grunderfahrung des Lebens. Wir müssen sie wirklich am eigenen Leibe er-fahren, um über sie berichten zu können. Es ist kein Wissen, dass sich durch Buchlektüre erwerben und aufbewahren lässt. Wenn wir lieben sind wir immer wieder Anfänger und so gesehen entzieht sich die Erotik der Routine. Es ist jedes Mal aufs Neue ein Wagnis und ähnlich wie bei Schmerz, Tod oder Freude können wir uns nicht vor ihr schützen, wenn sie uns umgarnt. Sie entzieht sich der Kategorisierung und in meinen Geschichten versuche ich mich ihr anzunähern ohne sie durch eine Interpretation zu erdrücken und den Zauber der von ihr abstrahlt zu zerstören. Einfach nur über Sex zu schreiben, würde mich dagegen langweilen.

Was bedeutet für dich Schmerz?

Ich denke es gibt viele Formen von Schmerz. In vielen meiner frühen Geschichten wie Herz der Finsternis oder Sweet delight, beschreibe ich oftmals psychischen Schmerz, der aus der Verzweiflung strömt. Die Unfähigkeit dem Dasein einen Sinn abzuringen, führt bei den Akteuren zu dem Verlangen, sich bedingungslos seinen erwählten Göttinnen zu Füßen zu werfen. Diese dominanten Frauen sind in ihrer Allmacht fast schon metaphysische Geschöpfe, die einen religiösen Status einnehmen.
Die Dunkelheit und Leere in mir selbst, ist für mich die tiefste und dunkelste Form des Schmerzes.
Der körperliche Schmerz hingegen führt einen heraus aus den ätherischen Welten dieser verzweifelten Sinnsuche. Wenn ich Schmerz empfinde, dann spüre ich, dass ich bin, dass ich existiere. Ich spüre, dass ich in diesem Moment zur Welt gehöre. Das mein Körper zu mir gehört. Man könnte sagen, ich empfinde mich im Augenblick des Schmerzes.
So gesehen ist der bewußt gewollte körperliche Schmerz etwas vollkommen anderes und man kann ihn nicht mit dem Weltschmerz vergleichen, der einen oftmals grundlos überfällt.

Wo war bisher deine ungewöhnlichste Lesung?

Es war meine allererste Lesung. Ein Poetry-Slam und ich wusste nicht genau, was mich erwartete. Damals wohnte ich noch in Bamberg und schrieb aus heutiger Sicht sehr destruktive und todestrunkene Lyrik. Das Publikum wollte aber eher Popcorn und wir konnten beide nicht recht was miteinander anfangen und die Besucher haben mich nach der Lesung angesehen wie einen Kranken.


Wie empfindest du den gesellschaftlichen Umgang mit Sex?

Ich denke, dass Sex bei uns auf der einen Seite eine ungeheure Medienpräsenz hat, auf der anderen Seite die Erfahrung der eigenen Sexualität in Gesprächen immer noch ein Tabuthema ist. Wie werden tagtäglich überhäuft mit unzähligen Bildern, da wir ja so unglaublich tolerant sind. Das muss aber nicht heißen, dass wir deshalb mehr Sex haben. Es ist vielleicht ähnlich wie in der Gothic-Szene, man gibt sich super aufreizend, was aber nicht bedeutet, dass sich hinter jedem lasziven Konstüme auch eine lüsterne Person verbirgt.
Ich glaube, dass diese ständige Präsenz von Sex, sogar kontraproduktiv ist, da sie einem bereits die Bilder aufzwingt wie Sex zu sein hat. Wie muss man aussehen, um attraktiv zu sein. Was muss man anziehen. Wir sind alle auf eine gewisse Weise visuell übersexualisiert, so dass man gar nicht mehr dazu kommt seinen eigenen Körper zu entdecken, sondern ständig damit beschäfftigt ist, ihn an die Schönheitsnormen anzupassen. Dabei hat ja Sex nicht unbedingt etwas mit körperlicher Schönheit zu tun. Es ist eher eine Frage der Sympathie mit wem man ins Bett steigt. Diese ganzen Barbiepuppen sind bestimmt nicht der Bringer.

Findest du Deutschland an sich prüde?

Ja, ich glaube schon, dass Deutschland durch die christlich geprägten Moralvorstellungen dem Wort „prüde“ sehr nahe kommt. Ich bewerte es aber nicht grundsätzlich als negativ. Denn die Überschreitung von Grenzen und der Reiz des Verbotenen, der dieser Prüderie entspringt, bieten erst den Rahmen in dem sich die Erotik entwickeln kann. Gerade im Spiel mit sadomasochistischen Praktiken wird oft auf Symbole, Kleidungsstücke oder Gegenstände zurückgegriffen, die ursprünglich im Christentum beheimatet sind. Das heißt, die Erotik steigert sich gerade dadurch, dass man Elemente benutzt, die sakrosankt und eigentlich unerotisch sind. Das Habit der Nonne, der Altar, die Opferung oder auch große Teile des abendländischen Satanismus entspringen ja der Faszination des Verbotenem, der Überschreitung von gesellschaftlichen Moralvorstellungen.

Insofern glaube ich nicht, dass zum Beispiel im katholischen Süden, der ja für meine Begriffe sehr prüde ist, es eine geringere Faszination für SM gibt, als in anderen Teilen von Deutschland. De Sade schrieb ja auch in einer streng moralischen Epoche.

Und Bayern?

Bayern ist natürlich ein Sonderfall. In Bamberg mit Lackoutfit durch die Fußgängerzone ist bestimmt kein Spaß; seitdem man ist Masochist.

Ist Delomelanicon ein Pseudonym?

Ja, es ist ein Pseudonym, daß ich für meine ersten Veröffentlichungen von SM-Geschichten in den Schlagzeilen verwendet habe. Es entstammt den Roman Der Club Dumas von Arturo Perez-Reverte, der später als Die Neun Pforten verfilmt wurde. Es bezeichnet eigentlich ein Grimmoire, aber ich habe das Pseudonym aus anderen Gründen gewählt. Die deutsche Übersetzung lautet: Ich rufe die Dunkelheit. So gesehen war es eine Art Wahlspruch, bei der Beschäftigung mit den eigenen Abgründen. Ich wollte es ursprünglich nur für Herz der Finsternis verwenden, habe es aber dann beibehalten.

Sex und .... Magie?

SM hat für mich sehr viel mit Magie zu tun. Der Ritus der Fesselung. Die Insignien der Macht. Kerzen. Die ganze Athmosphäre ist aufgeladen. Das Ritual ist dabei wichtiger als der Sex.

Wäre es nicht ein schreckliches Szenario, wenn die Gesellschaft auf einmal BDSM vollkommen akzeptieren würde?

Ja, ich glaube schon, denn gerade der Hauch des Verruchten und Verbotenen macht ja oftmals den Reiz aus.

Wie gehst du mit Kritik zu deinem Buch um, mit Kritik zu deinem Themenschwerpunkt.. Ist ja ein persönliches Thema....

Grundsätzlich habe ich mit Kritik kein Problem. Es ist jedoch meistens schwierig, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Leser sehr oft interpretieren. Da ich oftmals in der ersten Person schreibe, wollen viele nicht wahrhaben, dass es sich bei meinen Geschichten um fiktive Literatur handelt. Ich als Person werde also gleichgesetzt mit den Charakteren meiner Geschichten, was einfach nicht stimmt. Sicherlich tragen meine Geschichten Spuren von mir in sich, aber es macht für mich keinen Sinn Fragen zu diskutieren, ob die Zigarette in Ein ungleiches Duell ein verstecktes Phallussymbol darstellt. Ich interpretiere meine Geschichten grundsätzlich nicht, sondern ich schreibe nur was mir in den Sinn kommt, von daher ist es oftmals schwierig eine gemeinsame Basis für eine Diskussion zu finden. Literatur steht für sich selbst. Sie bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern erschafft eine andere.

Und um gleich persönlich zu werden: Inwieweit teilst du jenes „Sweet Delight“mit deinen Protagonisten?

Ich teile es insoweit, da ich glaube, dass man mit seinen literarischen Figuren mitleiden muss, wenn man sie glaubhaft erschaffen will. Es ist ähnlich wie bei guten Schauspielern, die auch ihre Charaktere mit Leben erfüllen müssen. Sie müssen diese Personen sein, die sie darstellen und sie nicht nur spielen. Ebenso versuche ich mich in Situation meiner Akteure zu versetzen. Versuche ihre Einsamkeit, ihre Sehnsüchte, ihre Begierden mitzuerleben.

Muss man sich als Autor solcher Geschichten persönlichere Fragen gefallen lassen, als beispielsweise SciFi Autoren?

Ich denke schon. Gerade dadurch, dass ich, wie oben beschrieben, oftmals in der ersten Person schreibe gelingt es sehr vielen nicht, dieses literarische Ich von meiner Person zu abstrahieren. Wer so etwas Perverses schreibt, muss auch bis ins Herz pervers sein, sozusagen. Aber auch Mankell bringt keine Menschen um und schreibt dennoch über Morde.

Wohin soll oder wird uns Menschen unsere Obsession treiben?

Keine Ahnung, aber letzten Endes immer ins Grab.

Wohin führt uns die sexuelle Befreiuung, die immer früher praktizierten, immer komplizierteren Turnübungen und Fesselspiele?

Vielleicht zum anderen Extrem. Wenn alles erlaubt ist, steigt die Orientierungslosogkeit und der Mensch sehnt sich wieder nach Gefangenschaft und sei es nur in der Moral.

Bilden also Venushügel das Jammertal oder den Jubelhain?

Wohl beides. Wer nach Lust begehrt, muss sich auch auf den Ver-lust einlassen.

Haben Literaten einen schärferen Blick für die Welt?

Ich glaube nicht schärfer, sondern einen anderen Blickwinkel. Vielleicht eine gewisse Distanz zur Welt. Ernst Jünger hat einmal gesagt:

„Die Einsamkeit ist nicht der Fluch des Schreibers, sondern sein Kapital.“

Interview für die Leipziger Internetzeitung www.lizzy-online.de (August 07)

Volly Tanner spricht mit dem Leipziger Schriftsteller und Studenten der Ethnologie und Afrikanistik Michael Schweßinger (29) über seinen Erfolg mit „In darkest Leipzig“, über Brot und Spiele und käserestevolle Pizzaschachteln.

Hallo, Micha. In letzter Zeit redet alles über Dein Buch „In darkest Leipzig – über die seltsamen Sitten und Gebräuche der Lindenauer“. Was ist denn, auch für die Leser aus anderen Kulturkreisen, ein Lindenauer

Hallo Volly. Ich begann vor eineinhalb Jahren mit meiner ethnologischen Feldforschung. Dabei stieß ich auf die verschiedenen faszinierenden Lindenauer Volksgruppen, die weite Teile des Leipziger Westens besiedeln. In der Wissenschaft herrscht mittlerweile Einigkeit darüber, dass es bei den Lindenauern einen grundsätzlichen Unterschied zwischen sesshaften und nomadisch agierenden Clans gibt. So gesehen müssen wir differenzieren, wenn wir uns mit den Lindenauern beschäftigen. Allgemein lässt sich jedoch sagen: Die Lindenauer siedeln seit nahezu 1000 Jahren an den fruchtbaren Elsterauen. Sie waren in früheren Zeiten für ihre Handwerkskunst und ihren kulturellen Reichtum bekannt. Heute teilen die Lindenauer das traurige Schicksal vieler indigener Völker, die vom Kapitalismus überrollt wurden. Hartz IV, zunehmender Alkoholismus, Perspektivlosigkeit

Dein Buch berichtet ja doch sehr respektvoll, teilweise sogar freundschaftlich blickend auf den emotionalen Bodensatz der Gesellschaft. Wie waren denn bis jetzt  die Reaktionen? Gab's Anfeindungen aus dem Poplager?

Von der Seite gab es keine Anfeindungen. Es lacht sich ja leichter, wenn man nicht betroffen ist. Grundsätzlich hab ich eigentlich persönlich nur positive Reaktionen bei meinen Lesungen gespürt. Anders gestaltet sich die Situation in Lindenau. Das Buch kam ja eher so aus dem Underground.

Ich bin ja fast nur auf kleinen Lesebühnen aufgetreten. In den letzen Wochen kam es dann, dass der Buchhandel Interesse zeigte und da erreicht man dann natürlich auch andere Menschen, die nicht so begeistert sind. In einer Lindenauer Buchhandlung wurden heftige Debatten darüber geführt; gerade über die ethnologische Terminologie die ich verwende. Eingeborene, Ethnie, das ganze Programm eben mit dem man "die Wilden" in allen Teilen der Welt kategorisierte. Von daher fühlen sich schon viele Lindenauer mächtig auf dem Schlips getreten, wenn sie mit "den Primitiven" in einem Atemzug genannt werden

Denkst du das ist rassistische Arroganz, die die Hiesigen sich selber über andere Volksgruppen erheben lässt?

Es muss nicht unbedingt rassistisch motiviert sein. Ich glaube es ist ein menschlicher Charakterzug sich von Anderen abzugrenzen und sich dadurch ein wenig besser zu fühlen. Im kulturellen oder sozialen Bereich funktioniert dies nach demselben Schema. Problematisch wird es eben nur, wenn man den Anderen seine Daseinsberechtigung abspricht. Ich finde die Zunahme der sozialen Ausgrenzung innerhalb unserer Gesellschaft ebenso erschreckend wie irgendwelche Menschen, die sich durch ihren Rassismus definieren. Arbeitslosen oder älteren Menschen das Gefühl zu geben, sie wären in unserer Leistungsgesellschaft, die sich nur noch um höhere Effizienz Gedanken macht, nur noch sozialer Ballast und nicht mehr als Mensch wertvoll.

Nun lebst Du jedoch inmitten Deines Studienobjektes, Du betreibst Feldforschung und begibst Dich mitten hinein in den brodelnden  Dschungel Lindenaus zwischen Klinkerwäldern und Discountergebirgen. Welcher war der für Dich emotional bewegendste Moment während Deiner Arbeit am Objekt?

Mir fällt es schwer diese Erlebnisse emotional zu werten. Das sind einfach ganz viele alltägliche Tragödien. Eines dieser Dramen spielte sich im Supermarkt ab. Ein Vater der mit seiner Tochter händchenhaltend durch den Supermarkt geht, um sich eine Flasche Schnaps zu kaufen. Die Tochter sieht die Eistruhe und will ein Eis. Du siehst, dass er sie liebt und das er ihr gerne das Eis kaufen würde, aber dass sein Geld nicht für Alkohol und Eis reicht. Diesen Moment zu beobachten, wie er den inneren Kampf zwischen Alk und Tochter austrägt und man weiß, dass der Alk gewinnen wird, da könnte man heulen. Dann die Menschen, die alleine in irgendwelchen Hauseingängen sitzen und mit leeren Augen vor sich hinstarren und trinken. Ich weiß nicht, da gehen so viele Dinge falsch.

Als Ethnologe ist es ja Deine Aufgabe, zu beobachten,  aufzubewahren und zu vergleichen. Hast Du trotzdem irgendeine Idee,  wie diese Verwerfungen zu bekämpfen sein können? Was kann man tun? Oder macht der Zustand nur noch hilflos?

Ich glaube es fängt im Kleinen damit an, dass man diese Probleme wahrnimmt. Ich versuche dies literarisch zu verarbeiten und vielleicht den ein oder anderen zum Nachdenken anregen. Was die großen Veränderungen betrifft, da hab ich in der Tat nicht die großen Hoffnungen. Nicht weil es nicht möglich wäre, sondern weil der Wille dazu fehlt. Jeder redet vom Aufschwung, aber wenn das der Aufschwung ist, was kommt danach? Ich habe nicht das Gefühl, dass es den Menschen am unteren Rand der Gesellschaft besser geht als vorher. Im Gegenteil, immer mehr Menschen sehe ich vor die Hunde gehen. Aber eine soziale Gesellschaft sollte sich immer daran messen, wie es ihren schlechtestgestellten Mitgliedern geht, nicht wie viele Millionen irgendwelche Konzerne einfahren.

Zurück zu Deinem Buch, welches ja wirklich zum Erfolg geriet, obwohl die hiesige Presse kaum Notiz davon nahm. Glaubst Du, dass dies auch Teil des Erfolges ist, dass eben die hiesige Presse dich nicht lobhudelnd herumreichte, dass Du weiterhin als einer "von unten" gesehen wirst?

Ja, ich glaube schon, dass die Authentizität Teil des Erfolges ist. Die Basis war ja einfache Mund zu Mund Propaganda. Vielleicht auch, weil es nicht die großen abgehobenen Stories sind, sondern weil sich jeder in diesen Alltagserlebnissen irgendwo wieder findet. Oft kommen Leute nach den Lesungen zu mir und sagen: „So etwas hab ich auch schon erlebt.“ Oder sie erzählen mir Geschichten, die ich wieder für neue Stories verwende. Es hat etwas von Oratur, also mündlicher Überlieferung. Manchmal setze ich mich einfach in die Absturzkneipen, höre den Menschen zu und schreibe über sie oder über das, was sie mir erzählen. Und die haben verdammt viel zu erzählen.

In der derzeit erfolgreichen Literatur bist Du ja eine ziemliche Ausnahme. Du respektierst die Menschen, Du hackst nicht zynisch rein und Du hörst zu. Ist es nicht ein einsamer Weg, den Du da gehst? Du  könntest doch auch den Weg der schicken, jungen Popliteraten gehen, ein bisschen über Markenklamotten schreiben und würdest überall Dein Bier kostenlos bekommen. Was treibt Dich an, Micha?

Naja, mein Bier bekomme ich meistens auch kostenlos. Ich muss sagen, ich mach mir eigentlich keine Gedanken darüber, was gerade angesagt ist. Das Gefühl muss stimmen. Grundsätzlich würde ich sagen, mich faszinieren einfach die Ränder einer Gesellschaft. Bei "In darkest Leipzig" waren es die sozialen Ränder, in meinen Buch "Gedanken an die Dämmerung", das ich davor geschrieben habe, war es der erotische Randbereich des Sadomasochismus. So gesehen speist sich mein Antrieb vielleicht einfach aus der Vorliebe, Grenzen zu überschreiten.

Gibt es denn schon neue Projekte, an denen Du arbeitest?

Ja, die gibt es. Ich arbeite gerade an meinem neuen Buch "Von Seemännern und anderen Gestrandeten", welches Anfang Dezember erscheinen wird. Es geht darin wieder um den Leipziger Westen, allerdings beschäftigen ich mich dabei mehr mit den Menschen der Straßen und Kneipen und weniger mit den sesshaften Lindenauern. Irgendwie ist das Buch sehr viel nachdenklicher geworden als "In darkest Leipzig", aber vermutlich muss das so sein, wenn man sich die Realität vor Ort bewusst macht. Dann gibt es natürlich noch jede Menge anderer Stories an denen ich gerade schreibe. In einigen berichte ich über meine skurrilen Erlebnisse als Tagelöhner. Als Student bekommt man ja die freakigsten Jobs angeboten. Reinigung im Atomkraftwerk, Baumfäller auf Friedhöfen, Sklavenarbeit auf Baustellen, Inventuren in staubigen Ramschläden. Das wird dann wieder sehr humorvoll.

Du arbeitest ja auch mit dem Fotokünstler Corwin zusammen, wie  seid ihr beiden denn zusammengekommen?

Das war wirklich ein Glücksfall. Ich hab mir Corwins Fotoausstellung "Leipzig verfällt" angesehen und war sehr begeistert von den Bildern. Seine Fotografien thematisieren, wie der Titel schon andeutet, ein Leipzig jenseits der Hochglanzpassagen. Der Bildband dazu erscheint in wenigen Tagen bei Edition PaperOne. Ich habe ihn dann kontaktiert und gefragt, ob er Lust hätte, das Cover zu "In darkest Leipzig" zu machen. Daraus entwickelte sich unsere Freundschaft und weitere Zusammenarbeit. Er ist auch für das Cover meines neuen Buches verantwortlich.

Das heißt ja, dass Du neben Deinen ethnologischen Studien sozusagen ein Hans Dampf in allen Gassen bist. Nun bist Du auch noch der Vorsitzende eines Heimatvereins geworden. Eines Heimatvereins???? Was ist denn das für eine Geschichte?

Der Heimatverein Lindenau, das war so eine fixe Idee. Wir haben uns gedacht, wenn schon nichts passiert, dann müssen wir das eben selbst in die Hand nehmen. Das mag etwas strange klingen, ist es aber nicht. Heimat hat ja nichts mit Nationalismus zu tun. Ich denke da eher wie die Römer "Ubi bene, ibi patria". Also da wo es mir gut geht, da fühle ich mich zu Hause. Wir wollen damit eben der Lethargie entgegenwirken und aufzeigen, dass eben etwas möglich ist, wenn man nur bereit ist mal den Arsch vom Fernseher wegzubewegen. Die Menschen für ihr Umfeld sensibilisieren. Auch wenn man "In darkest Leipzig" vielleicht auch anders lesen kann. Ich mag dieses Viertel und deshalb auch die Initiative. Wir planen gerade ein Literaturfestival für 2008, den Lindenauer Literatursommer. Unsere Intention ist es Menschen für Kultur zu begeistern, an denen das Kulturprogramm normalerweise vorbeiläuft.

Daneben arbeiten wir noch an Schreibprojekten in Lindenauer Schulen. Ich glaube es ist sehr wichtig, den jungen Menschen Alternativen aufzuzeigen, gerade in einem Viertel wie Lindenau, wo die Verzweiflung heimisch ist.

Mit dem "Arsch vom Fernseher wegbekommen..." sprichst Du mir und vielen Lesern aus dem Herzen. Denkst Du das sich in unserem Kulturkreis schon kommunikativ unterschiedliche Klassen entwickelt haben - die mit und die bewusst ohne Fernsehmissbrauch?

Mir fällt auf, dass die meisten Menschen, die kreativ unterwegs sind, auf das Medium Fernsehen verzichten, weil es eben eine absolut passive Beschäftigung ist. Wenn ich manchmal schaue, dann weiß ich am nächsten Tag meistens nicht mehr was ich angesehen habe. Das finde ich dann sehr erschreckend. Hartz IV und Fernseher, das hat etwas von Brot und Spiele. Eine gute Kombination um die Menschen ruhig zu stellen.

Meinst Du, es gibt eine Strategie "Brot und Spiele", dass es Entscheider gibt, die bewusst Menschen ruhig stellen wollen?

Wenn man in der Geschichte in die römische Kaiserzeit zurückgeht, also zu "panem et circenses" dann fällt die Ähnlichkeit zur Gegenwart auf. Ein großes verarmtes Proletariat und eine kleine Kaste von Ultrareichen, die an den Schalthebeln der Macht fungierten und das Volk durch Zirkusspiele und kostenlose Verköstigung ruhig stellten. Leider funktioniert das auch heute.

Ja, aber bewusst oder unbewusst, das ist doch hier die Frage!

Das sind ja immer zwei Seiten. Da gibt es viele Menschen, die ihre Freiheit gerne aufgeben und dann gibt es die, die das natürlich fördern. Es läuft ja nicht so, dass auf der einen Seite die Bösen stehen und auf der anderen die Guten. Jeder könnte ja auch aktiv werden und gegen die eigene Narkotisierung ankämpfen. Aber es scheint mir eher, als wenn die Masse mit diesem Zustand ganz gut leben könnte. Freiwillige Versklavung.

Deshalb finde ich auch das Szenario von Huxley in "Brave New World" besser als das Orwellsche 1984. Jeder fühlt sich doch sicherer, obwohl Persönlichkeitsrechte mehr und mehr eingeschränkt werden. Es ist ja nicht so, dass Überwachung mit Gewalt durchgesetzt werden muss. Es wird gewünscht.

Sehr differenziert, Kollege Schweßinger - Ihre Antwort. Möchtest Du unseren Lesern noch etwas auf den Weg mitgeben? Irgendeine ewige Weisheit, entstanden aus dem Kuddelmuddel aus Literatur, Leben und Ethnologie?

Vielleicht ein Tipp an verarmte Literaten. Eine alte Pizzaschachtel kann ein hervorragender Käselieferant sein.

Danke, Micha und natürlich weiterhin viel Erfolg beim Suchen im Sumpf!

Interview mit www.morgana-leipzig.de

(November 2006)

Wie bist du auf das Schreiben von Gedichten, kurzen Geschichten und Romane gekommen? Welches war der ausschlaggebende Punkt deines Lebens, der dich dazu gebracht hat , bzw. wann hast du gemerkt, dass du mit dem Schreiben dich entfalten könntest?

Es ist eher so, dass das Schreiben zu mir gekommen ist, denn ich schreibe nicht besonders gerne. Doch als ich damit begann Gedichte nieder zuschreiben, spürte ich manchmal die Katharsis der Zeilen. Was man niederschrieb war irgendwie gebannt. Man hatte es benannt und damit seiner dämonischen Kraft beraubt.
In meinen aktuellen Geschichten spielt dieser Beweggrund, aber keine Rolle mehr, da die Fragen, die ich mir stelle, sich über die Jahre gewandelt haben und ich glaube, dass sich meine Gedanken etwas aufgehellt haben. Ich nehme mich als Individuum nun mehr zurück – auch wenn ich nach wie vor gern in der ersten Person schreibe – und begebe mich wie „In darkest Leipzig“ in eine Beobachterpossition, um den Anderen mehr Raum zu geben. Dennoch ist eine Skepsis gegenüber dem Schreiben nach wie vor vorhanden, denn Schreiben bedeutet auch immer etwas zu fixieren, es seiner Leichtigkeit berauben. Die Gedanken sind frei und wandelbar, das Geschriebene bleibt unverrückbar.

Du hast mit Gedichten deine Karriere als Autor angefangen... jetzt konzentrierst dich mehr auf kurze Geschichten und Romane. Hat es einen besonderen Grund?

Dass ich der Lyrik den Rücken kehrte lag nicht an der Tatsache, dass ich das Gefühl hatte, es wäre ein einfaches Genre, für das es von vielen gehalten wird, die eine beliebige Aneinanderreihung von zufällig in den Sinn geschossenen Worten für Lyrik halten. Vielmehr spürte ich, dass die Ver-dichtung der Wirklichkeit das schwierigste literarische Genre darstellte und ich das Gefühl hatte, dass dieser Zusammenschmelzung bis zum Äußersten zunächst ein langer Prozess der Erfahrung vorausgehen müsste.

In deinem Buch "Gedanken an die Dämmerung" bietest du deinen Leser wundervolle erotische Erzählungen. Gab es einen besonderen Grund für die Auswahl dieses Themas? Was bedeutet für dich Erotik?

Erotik ist ähnlich wie Schmerz oder Tod einer der unmittelbaren Erfahrungen, die nicht mehr weiter auf andere Erklärungen zurückgeführt werden können. Es sind die existenziellen Bereiche des Lebens. Erotik bedeutet, gerade im Spiel mit SM auch oftmals Überschreitung. „Wo ist Grenze, wie weit willst du gehen?“, - ich weiß nicht warum mir gerade diese Textzeile von den Fehlfarben durch den Kopf schießt, aber ich finde sie drückt es sehr gut aus. Albert Camus, dessen Gedanken in mir Wurzeln geschlagen haben, sagt ja auch: Die entscheidende Frage ist die nach dem Selbstmord. Alles andere kommt dannach.
Man könnte dies auch auf einige meiner erotischen Geschichten übertragen. Die Akteure befinden sich ja in der Dämmerung, also in einem Prozess der Wandlung und lassen ihr früheres Leben zurück. Sie morden ihr gestriges Ich und geben sich ihren eigenen Nächten hin.


Seit kurzem ist dein neues Buch veröffentlicht worden "In darkest Leipzig". Was erwartet die Leser?

„In darkest Leipzig“ ist wieder ne ganz andere Schiene, weil Lindenau bestimmt alles mögliche sein kann, aber bestimmt nicht erotisch ist.
Ich bin vor einem Jahr, als ich aus Afrika zurückkehrte dorthin gezogen und ich fand die Bewohner so „strange“, dass ich mir gedacht habe, hier wohnen die wahren Exoten. Du musst gar nicht mehr ans Ende der Welt fahren. Ich bin dann auf die Idee gekommen, die Lindenauer aus einer ethnologischen Perspektive zu beobachten. Ähnlich wie man die „Wilden“ in Afrika gegen Ende des 19. Jahrhunderts gesehen hat. Der Buchtitel ist die Abwandlung von „In darkest Africa“, einer sehr populären Reisebeschreibung von Henry Morton Stanley aus dem Jahre 1890.

Wirst du eine kleine Lese-Tour für dein neues Werk machen? Und wenn ja, wo können wir dich Lesen hören?

Eine richtige Lesetour werde ich nicht machen, aber am 21.12. lese ich beim KSK in Mc Cormacks Ballroom mit Volly Tanner, der auch eine wunderschönes Vorwort zu „In darkest Leipzig“ geschrieben hat. Im Januar vielleicht auch noch bei den „Eingeborenen“ in Lindenau. Das wäre bestimmt lustig.

Würdest du sagen, dass deine Bücher etwas von deinem Leben mit enthalten? Findet man biografische "Szenen" bzw. Erfahrungen?

Sicherlich findet man Spuren von mir in den Büchern, aber man darf nicht glauben, dass ich als Mensch mit meinen Akteuren deckungsgleich bin.
Bei Lesungen zu „Gedanken an die Dämmerung“ ist mir aufgefallen, dass viele zwischen literarischen Ich und mir als Person nicht unterscheiden können oder wollen.
Nach dem Motto: Wer über so etwas Perverses wie SM schreibt, muss es auch erlebt haben.

Während meiner Recherche über dich, habe ich herausgefunden, dass du Afrikanistik und Ethnologie studierst... Gibt es einen besonderen Grund zur Wahl dieser Fächer? Wenn ja welche?

Ethnologie beschäftigt sich ja mit den fremden Kulturen. Es fasziniert mich dabei die Grenze. Wo hört das Eigene auf, wo fängt das Fremde an. Für mich beginnt die Fremde, wie in meinem Buch beschrieben, bereits vor meiner Wohnungstür und nicht in Afrika. Wenn ich auf die Straße gehe und die ganzen ausgezehrten Gestalten sehe, denke ich mir, in welcher Welt lebst du eigentlich.
Zu Afrikanistik muss ich sagen, als ich dieses Studienfach gewählt hatte, hatte ich von Afrika nicht den blassesten Schimmer und das war auch der Grund meiner Fächerwahl. Ich wollte einfach etwas machen, von dem ich noch keine Ahnung hatte. Etwas total Anderes. Ich kann sagen es war die richtige Entscheidung. Auch wenn Afrika bis auf einige Stereotypen in der europäischen Wahrnehmung unsichtbar bleibt, so besitzt es doch einen unglaublichen Reichtum an Kulturen, Literatur und Historie, von dem ich ohne dieses Studium nie erfahren hätte.